Mistel - vom Mythos zur Heilpflanze

MistelzeichnZur Geschichte:

Hippokrates erwähnt um 400 vor Christus, dass Mistelextrakt gegen Fallsucht und Milzsucht verwendet wird.

Im Mittelalter empfahl Hildegard von Bingen die Mistel bei Lebererkrankungen. Für Paracelsus (16. Jahrhundert) und Hufeland (um1800) galt sie als Heilpflanze bei Epilepsie. Auch gegen Schwindel, Migräne, Unfruchtbarkeit, Gicht und Ruhr wurde die Immergrüne im Lauf der Jahrhunderte eingesetzt. In Kräuterbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts wird ihre Wirkung gegen Geschwüre in Ohren beschrieben.

Pfarrer Kneipp war auch auf sie aufmerksam geworden. Er war überzeugt, daß diese Pflanze den Blutkreislauf günstig beeinflussen und damit Frauenschmerzen lindern könne. Das Repertoire der Beschwerden, die man mit Mistelextrakten loswerden kann, ist beeindruckend: Bluthochdruck, Epilepsie und Krämpfe, Schwindelgefühle, Arteriosklerose und Gelenkerkrankungen, Keuchhusten und Asthma. 

Sich selbst kann man mit dem magischen Kraut als Tee (über Nacht in Wasser angesetzt), als Tinktur (fertig in der Apotheke erhältlich) oder als Preßsaft aus frischen Blättern und Stengeln und als Salbe (aus den Beeren) therapieren. Sogar Drogeriemärkte bieten Kapseln gegen Kreislaufbeschwerden an.

Inhaltsstoffe:
Die Zweige und Blätter enthalten unter anderem Viscin, Viscotoxin, Phenylpropane, Flavonoide, Saponine, einen digitalesähnlich wirkenden Cholinester, einen blutdrucksenkenden Stoff, Vitamin C, Harze, Schleimstoffe und andere Substanzen.
Die Mistel in diesem Jahrhundert:
Die Behandlung von Patienten mit Mistelextrakten zählt zu den naturheilkundlichen Verfahren. 
In den 20er Jahren entdeckte Rudolf Steiner die Mistel als Therapeutikum in der Krebsbehandlung. Mistelextrakte stärken das Immunsystem und verbessern zumindest das Allgemeinbefinden und die Lebensqualität. Die Substanzen sollen die gegen den Tumor gerichteten Abwehrkräfte des Körpers stimulieren.
Gerhard Madaus entwickelte ein schulmedizinisches Konzept für den Einsatz bei Krebserkrankungen. Seit 1930 wird die Wirkung verschiedener Substanzen in Mistelextrakten experimentell untersucht. Damals wusste man, dass frischer Mistelbrei die Zellvermehrung beeinflusst. 

Heute werden Mistelextrakte in das Unterhautfettgewebe gespritzt. Anwendung findet die Misteltherapie als subkutane Injektion (dreimal wöchentlich) auch in der reinen Naturheilkunde bei: degenerativen Gelenkerkrankungen (Rheuma, Arthrosen), Krebserkrankungen, Folgeschäden nach Bestrahlung oder Chemotherapie und Infektabwehrschwäche.

Zum Stand der Wissenschaft:
Bekannt ist, dass das Mistel-Lektin I sich an bestimmte Glykoproteine auf der Oberfläche von Immunzellen (Monozyten und Lymphozyten) heftet. Auf diese Bindung reagieren die Abwehrzellen wie auf eine Infektion und setzen Zytokine frei, Botenstoffe des Immunsystems wie z.B. Interferon, Interleukine und den Tumor-Nekrose-Faktor, die dann ihrerseits das gesamte Abwehrsystem alarmieren und aktivieren. Fieber stellt sich ein, die Zahl und Aktivität bestimmter Immunzellen steigt, darunter auch die der an der Abwehr von Tumorzellen beteiligten „natürlichen Killerzellen". In hoher Dosierung kann Mistel-Lektin auch direkt Tumorzellen abtöten. Noch ist jedoch nicht klar, wie man diese zytotoxische Wirkung in der Praxis nutzen kann.

Neueste Studien und Forschungsergebnisse:
Mehrjährige Versuchsreihe an der Uniklinik Köln, durchgeführt vom Leiter des Instituts für Evaluation naturheilkundlicher Methoden Prof.Dr. Hans Joseph Beuth.

  1. Mistelextrakt wird hochdosiert direkt in den Tumor gespritzt. Das in der Mistel enthaltene Viskotoxin zerstört den Tumor (noch nicht ausreichend klinisch erforscht).

  2. Niedrig dosiertes Mistelpräparat. Bei optimaler Dosierung wird das Immunsystem des Patienten gefordert. Die Zahl der natürlichen Killerzellen verdoppelte sich, ähnlich war die Entwicklung bei den Helfer-T-Zellen. Als zentraler Wirkstoff gilt das Mistellektin I, das die Körperabwehr stärkt, nicht aber das Wachstum der Krebszelle fördert. Als Begleiterscheinung wurden nur bei einigen Patienten eine Rotfärbung der Haut an der Einstichstellen festgestellt.

  3. Wichtig ist die Dosierung: Die Versuche bei 30 Patienten ergaben eine optimale Dosierung von einem Nanogramm Mistellektin I pro Kilogramm Körpergewicht, gespritzt zweimal in der Woche unter die Haut. Eine Unterdosierung erhöht die Abwehrkraft des Körpers geringer, eine Überdosierung dagegen kann sogar schädlich sein.

Therapieempfehlung:

Nach der operativen Entfernung des Tumors empfehlen die Kölner Mediziner eine vierwöchige Therapie und eine anschließende zweimonatige Pause. Im Anschluß soll die Therapie wiederholt werden. Die Pause sei wichtig, um dem Körper eine Regenerationsphase zu geben und eine Abstumpfung des Mittels zu verhindern. Die Tests ergaben auch, daß auch in der Pause das Immunsystem aus eigener Kraft aktiviert bleibt.
Bei Patienten, deren Tumor nicht entfernt werden kann, rät Prof.Dr. Beuth zu einer drei- bis viermonatigen Therapie, einer nur vierwöchigen Pause und dem erneuten Beginn der Therapie. Dabei sollten die Krebspatienten besonders auf ihre Darmflora achten, die zum Beispiel durch zu viel Zucker zerstört oder geschädigt wird und damit die Abwehrkraft des Körpers mindert.
Für die Krebstherapie mit Mistelextrakt brauchen die Ärzte standardisierte bzw. normierte Präparate, so daß der für die Wirkung wesentliche Lektingehalt nachvollziehbar appliziert werden kann.
Achtung! Mistelextrakt sollte nicht bei HIV-Infizierten angewendet werden. Das Lektin führt zunächst für einige Wochen zu einem deutlich besseren Wohlbefinden, doch regt es auch die AIDS-Viren zum Wachstum an.

Die Bedeutung der komplementären Misteltherapie bei Krebs:
In der Krebstherapie sind viele Patienten mit der „passiven" Medizin unzufrieden, sie möchten nicht nur etwas gegen den Krebs, sondern auch für sich (und das Immunsystem) tun. Bei einer Chemotherapie oder einer Operation wird das Immunsystem stark geschwächt und durch die Nebenwirkungen der Medikamente ist die Lebensqualität stark beeinträchtigt. Hier setzt die Krebsbegleit-Therapie mit Mistellektin an, die das Immunsystem stimuliert, die Nebenwirkungen der tumordestruktiven Therapiemethoden lindert und damit die Lebensqualität und Befindlichkeit der Patienten bessert. Wichtiger Punkt bei allen komplementären oder „alternativen" Krebstherapien ist, daß durch eine Behandlung zum Beispiel mit Mistelpräparaten nicht die anderen Therapien unterlassen werden. Die Mistel kann immer nur ein „und" und nie ein „statt" in der Therapie sein.

Quelle: WDR Von Monika Härle und Rolf Rahe

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